Gemälde von Caspar David Friedrich mit dem Titel: »Der einsame Baum«, geschaffen 1822

Öl auf Leinwand

71 x 55 cm


Inv. Nr.: W.S. 52

Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Der einsame Baum, 1822
Caspar David Friedrich

Der Berliner Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, dessen Kunstsammlung die Nationalgalerie begründen sollte, bestellte bei Caspar David Friedrich ein Tageszeiten-Diptychon: eine Morgen- und eine Abendlandschaft. Im November 1822 berichtete Friedrich in einem Brief an seinen Auftraggeber die Vollendung der beiden Werke. Als Bild des Morgens entstand das Gemälde »Der einsame Baum«, welches zunächst unter verschiedenen Titeln geführt wurde: In Wageners Sammlungskatalog hieß es »Eine grüne Ebene«, die ersten Kataloge der Nationalgalerie nannten es »Harzlandschaft«, und erst Ludwig Thormaehlen gab dem Bild den Titel »Einsamer Baum«.
Friedrich hat die weite Ebene einer Wiesenlandschaft mit Weihern, Baumgruppen und Dörfern dargestellt, die sich bis an den Rand eines Gebirges erstreckt, vor dem winzige Türme einer gotischen Stadt aufragen. Im Hintergrund sind die sanft gewölbten Bergkuppen des nordböhmischen Jeschkengebirges zu sehen, welche Friedrich 1810 während seiner Wanderung mit dem Freund Georg Friedrich Kersting in das Riesengebirge zeichnete.
Wie ein Monument ragt in der Mitte der Komposition eine stattliche Eiche auf. An einem Tümpel stehend, in dem sich der Himmel spiegelt, bietet sie einem Hirten Schutz, dessen Schafe sich grasend über das Grün der Aue verteilt haben. Ihr mächtiger Stamm hat Wind und Wetter standgehalten, die Äste an der Spitze des Baumriesen jedoch sind abgestorben. Über der Eiche haben sich kuppelartig Wolken formiert, in die die oberen Äste des Baumes hineinzugreifen scheinen.
Für die Eiche griff Friedrich auf Studien zurück, die zwischen 1806 und 1810 in der Umgebung Neubrandenburgs und im Riesengebirge entstanden waren. Als Naturzeichen verkörpert sie in diesem Bild Lebenskraft und Stärke; zugleich verweisen ihre abgestorbenen Äste auf jenseitige Sphären. Fest im Boden verwurzelt und zugleich himmelwärts strebend, wird die Eiche zum Vermittler zwischen Erde und Himmel, als würde der »Weltraum um diesen Baum schwingen« (W. Wolfradt, Caspar David Friedrich und die Landschaft der Romantik, Berlin 1924, S. 159). | Birgit Verwiebe

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Bildnachweis
Jörg P. Anders
Lizenz
Public Domain Mark 1.0