Gemälde von Caspar David Friedrich mit dem Titel: »Abtei im Eichwald«, geschaffen 1809/10

Öl auf Leinwand

171 x 110.4 cm


Inv. Nr.: NG 8/85

Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Abtei im Eichwald, 1809/10
Caspar David Friedrich

»Jezt arbeite ich an einem grossen Bilde«, berichtete Caspar David Friedrich, »worin ich das Geheimnis des Grabes, und der Zukunft darzustellen gedenke. […] Unter; mit Schnee bedekten Grabmälern, und Grabhügeln, stehen die Überreste, einer gothischen Kirche, umgeben von uralten Eichen. Die Sonne ist untergegangen, und in der Dämmerung leuchtet über den Trümmern stehent, […] des Mondes erstes Viertel. Diker Nebel dekt die Erde, und wärent man den obern Theil des Gemäuers noch deutlich sieht, werden nach unten, immer ungewisser; und unbestimmter die Formen, bis endlich sich alles, je näher der Erde, im Nebel Verliehrt« (zit. nach: H. Zschoche, Caspar David Friedrich. Die Briefe, Hamburg 2005, S. 64).
»Abtei im Eichwald« schuf Friedrich als Pendant zu »Mönch am Meer« (Nationalgalerie, Inv.-Nr. NG 9/85), beide Gemälde zeigte er 1810 auf der Berliner Akademieausstellung. Dort wurden auf Wunsch des 15-jährigen Kronprinzen die Pendants von König Friedrich Wilhelm III. erworben. Die rätselhafte Entrücktheit und formale Radikalität der Bilder ließ sie zu Schlüsselwerken der Romantik werden. Im »Mönch am Meer« steht der Mensch, verloren in apokalyptischer Einsamkeit, der Unendlichkeit der Natur, des Kosmos gegenüber. Er meditiert über das Leben und dessen Grenze. Im Gegenstück schreiten Mönche durch ein Gräberfeld. Sie tragen einen Sarg in eine verlassene gotische Ruine, um dort die Totenmesse zu halten. Der Friedhof mit seinen schiefen eingesunkenen Grabsteinen liegt verlassen, kahle Eichbäume greifen wie mit klagender Gebärde in den Himmel. Sie umrahmen die Reste eines hohen Mauerstücks mit einem gotischen Spitzbogenfenster. Dämmerlicht erscheint als ockrig-gelber Farbschleier über dem Horizont und überstahlt die zarte Sichel des Neumondes. Die visionär leuchtende Himmelszone schwebt über dem bereits im Dunkeln liegenden irdischen Bereich. Dort geben die beiden einzigen Lichter auf dem Altar hinter dem Kruzifix ein Zeichen der Hoffnung. Für Carl Gustav Carus, den Malerfreund Friedrichs, war dieses Bild »vielleicht das tiefsinnigste poetische Kunstwerk aller neuern Landschaftsmalerei« (C. G. Carus, Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten, Leipzig 1865/66, Bd. 2, S. 230).
Friedrich wählte als Vorbild für das Motiv des Kirchenfensters die Ruine Eldena bei Greifswald. Er hatte Eldena für sich zu einer Zeit entdeckt, als die Romantiker die Gotik als eine Errungenschaft der Deutschen ansahen und zum Idealbild ihrer Epoche erhoben. Sie betrachteten die Gotik als Naturstil und Ausdruck eines nach Freiheit strebenden Wachstums. In seinem Gemälde verlieh Friedrich der Eldenaer Ruine eine ideale Form, um Durchsichtigkeit und Grazie zu erreichen. Beim Fenster verzichtete er auf die damals vorhandene Vermauerung und fügte stattdessen die filigrane Struktur einer Verglasung ein. Davor plazierte er ein Portal, das so nicht existiert hat. Zwanzig Jahre nach der Entstehung dieses Gemäldes wurde die Ruine Eldena denkmalpflegerisch umgestaltet und das Fenster freigelegt, vermutlich unter Einflußnahme des preußischen Kronprinzen, der Friedrichs Gemälde seit zwei Jahrzehnten besaß: Um 1830 glich die Ruine Eldena in wesentlichen Zügen dem Phantasiebild Friedrichs. | Birgit Verwiebe

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Bildnachweis
Andres Kilger
Lizenz
Public Domain Mark 1.0