Gemälde von Caspar David Friedrich mit dem Titel: »Abend«, geschaffen 1824

Öl auf textilem Bildträger auf Hartfaserplatte

27.5 x 20 cm


Städtische Kunsthalle Mannheim, Mannheim

Abend, 1824
Caspar David Friedrich

In den 1820er-Jahren erlebte die Landschafts-Ölskizze ihren Durchbruch und etablierte sich nach und nach auch in den deutschen Staaten. Mit dieser Praxis war die Möglichkeit verbunden, spontan und in Farbe auf Phänomene zu reagieren, die einer steten Veränderung unterworfen waren. Was das konkrete Einsatzfeld derartiger Ölskizzen anbetrifft, kam dem Himmel mit seinen differenzierten Lichtstimmungen und dem ephemeren Spiel der Wolken nun verstärkte Aufmerksamkeit zu.
Friedrich verhielt sich gegenüber diesen Entwicklungen eher zurückhaltend. Zeit seines Lebens setzte der Künstler auf den Bleistift, wenn er sich in die freie Natur begab. Farbnotate auf seinen Studienblättern halfen ihm dabei, die Erinnerung an die koloristische Erscheinung der Dinge aufrecht zu erhalten. Zwar boten ihm derartige Stichworte für die weitere Ausarbeitung im Atelier eine gewisse Stütze, allerdings ließ sich der unmittelbare Natureindruck auf diese Weise kaum konservieren. Doch sah Friedrich keinen Grund, seinen Schaffensprozess grundsätzlich zu überdenken. Ansonsten hätte er sicherlich stärker auf die Ölskizze gesetzt, die zu seiner Zeit in Dresden hoch im Kurs stand.
Von Friedrichs Hand haben sich lediglich drei Skizzen erhalten, die dem Himmel und dessen Stimmungsgehalt gewidmet sind. (Anm. 1) Ein Bravourstück der besonderen Art stellt die vorliegende Ölskizze eines Abendhimmels dar, auf der Friedrich rechts unten in die noch feuchte Farbe mit dem Pinselstiel »Abend September 1824« ritzte und damit den Entstehungszeitpunkt dokumentierte. (Anm. 2) Für seine Beschäftigung mit dieser Technik liefert die Datierung ein wichtiges Indiz. Denn 1821 war sein norwegischer, ebenfalls in Dresden ansässiger Künstlerfreund Johan Christian Dahl aus Italien zurückgekehrt, von wo er eigene Ölskizzen in reicher Zahl mitbrachte. 1823 zog Dahl in die Straße An der Elbe – und in das von Friedrich bewohnte Haus mit der Nummer 33. Dort konnte dieser unmittelbar miterleben, welche virtuosen Skizzen Dahl direkt von seinem Fenster aus schuf, was ihn animiert haben dürfte, es seinem Freund gleichzutun. (Anm. 3)
Wie souverän Friedrich diese Technik im Griff hatte, verdeutlicht eindrucksvoll sein abendlicher Himmel bei Sonnenuntergang. Trotz des kleinen Formats ist es ihm gelungen, die unterschiedlichen Farbwerte und subtilen Tonübergänge malerisch festzuhalten. Im oberen Bereich zeigt sich noch das Blau des Himmels. Dieser ist von charakteristischen Wolkenformationen besetzt, die vom Schimmer des Abendrots rosa eingefärbt erscheinen. Bei ihnen handelt es sich um Cirruswolken, die aus feinen Eiskristallen bestehen und nur in großer Höhe anzutreffen sind. Mit der Wiedergabe eines bestimmten Wolkentyps unterstrich Friedrich, dass er – trotz aller Skepsis – durchaus bereit war, bestimmte naturwissenschaftliche Erkenntnisse in seiner Kunst zu spiegeln. (Anm. 4)

Markus Bertsch
in: Caspar David Friedrich. Kunst für eine neue Zeit, hrsg. von Markus Bertsch und Johannes Grave, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Berlin 2023, S. 310.

1 Börsch-Supan/Jähnig 1973, S. 392 f., Nr. 318 – 320.

2 Ebd., S. 392 f., Nr. 319. Vgl. außerdem Ausst.-Kat. Hamburg 1974, S. 266, Nr. 176; Ausst.-Kat. Frankfurt am Main/Weimar 1994, S. 540, Nr. 355; Busch 1995, S. 465 f.; Busch 2011, S. 186 f.; Ausst.-Kat. Oslo/Dresden 2014, S. 187, Nr. 79.

3 Ebd., S. 185; Busch 2014, S. 22 f.

4 Busch 2011, S. 186.

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Bildnachweis
Foto: Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas