Gemälde von Caspar David Friedrich mit dem Titel: »Morgennebel im Gebirge«, geschaffen 1808

Öl auf Leinwand

104 x 71 cm


Thüringer Landesmuseum Heidecksburg, Rudolstadt

Morgennebel im Gebirge, 1808
Caspar David Friedrich

Auf der Rückseite seiner Zeichnung des Amselfalls bei Rathen hat Friedrich irgendwann in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts mit wenigen unscheinbaren Strichen die Silhouette des Honigsteinmassivs festgehalten. Nachdem er auf diese Studie bereits bei der Arbeit an einigen bildmäßigen Zeichnungen zurückgegriffen hatte, (Anm. 1) nahm er sie zur Grundlage, als er um 1808 daran ging, sein Gemälde Morgennebel im Gebirge zu konzipieren (Anm. 2). Das Ölbild gehört zu den frühen Werken, die durch die Beschränkung auf wenige Motive überraschen, und zeigt allein den Berg mit den charakteristischen Felsformationen an der Spitze. Die Reduktion der Bildgegenstände wird zusätzlich dadurch gesteigert, dass große Teile des Bildes von Wolken und Nebelschwaden beherrscht sind, sodass sich der Berg und die ihn bewachsenden Bäume nur stellenweise klar und differenziert abzeichnen. Insbesondere zu den seitlichen Rändern des Bildes hin gehen Wolken und Nebel ununterscheidbar in die Himmelspartien über. Dadurch bringt Friedrich ein transitorisches Phänomen ins Bild, das auf elementare Weise mit Fragen der Sichtbarkeit und des Verbergens verbunden ist. So wie sich der Morgennebel mit dem Voranschreiten der Zeit lichten dürfte, gewinnt auch der nebelumflorte Berg im Gemälde erst nach und nach im Laufe der Betrachtung an Konturen. Ganz in diesem Sinne lädt Friedrichs Bild dazu ein, sich Zeit zu nehmen. Dann kann auch das kleine Kreuz auf dem Gipfel ins Auge fallen, hinter dem der Himmel aufklart. Doch geht es Friedrich vermutlich nicht nur um den Moment, in dem die Betrachterinnen und Betrachter auf das Kreuz stoßen, das eine neue, religiöse Sinndimension eröffnen kann. Denn aufgrund seiner geringen Größe zieht das Kreuz den Blick unweigerlich näher an das Bild heran, sodass schließlich auch dessen Flächigkeit und Materialität auffällig werden. Dadurch kann sich in der Verschiebung der Aufmerksamkeit zwischen Dargestelltem und Darstellungsmitteln jenes Spiel zwischen Sichtbarkeit und Verbergen fortsetzen, das bereits mit dem Nebel und den Wolken in der Landschaft anschaulich wird.

Johannes Grave
in: Caspar David Friedrich. Kunst für eine neue Zeit, hrsg. von Markus Bertsch und Johannes Grave, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Berlin 2023, S. 128.

1 Siehe Grummt 2011, Bd. 1, S. 367 f., Nr. 367 u. S. 374 f., Nr. 378.

2 Zum Gemälde vgl. Börsch-Supan/Jähnig 1973, S. 300, Nr. 166; Hoch 1996, S. 38 f.; Busch 2003, S. 87 f.; Grave 2006, S. 393–401; Grummt 2011, S. 287–290, Nr. 292; Scholl 2016, S. 308 f.; Neddens 2017, S. 698; Busch 2021, S. 86–88; Richter 2021/22, Bd. 1, S. 239; Grave 2022a, S. 107

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Bildnachweis
Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt.