Zeichnung von Caspar David Friedrich mit dem Titel: »Alte Eiche mit Storchennest«, geschaffen 1806

Bleistift

205 x 286 mm


Inv. Nr.: 41097

Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett

Alte Eiche mit Storchennest, 1806
Caspar David Friedrich

Das auf dem 23. Mai 1806 datierte Blatt muss während einer Reise in die Heimat und auf die Insel Rügen entstanden sein. Am 14. Mai und wohl in den Tagen danach (vgl. Inv.-Nr. 1969-160/163) hielt sich Friedrich in Breesen bei seiner Schwester Catharina Dorothea auf, vom 29. Mai datiert eine Zeichnung, die in Neubrandenburg entstand, weshalb auch das Motiv der vorliegenden Zeichnung in der unmittelbaren Umgebung entstanden sein dürfte.
Friedrich isoliert die knorrige Eiche aus ihrem landschaftlichen Zusammenhang, der durch die Bodenlinie und die schemenhaft gegebenen Bäume im Hintergrund angedeutet wird; allenfalls durch das Storchennest auf der Spitze wird die Darstellung „anekdotisch“ aufgewertet. Obwohl Friedrich einen sehr weichen Bleistift verwendet, herrscht aufgrund des aus Parallelschraffuren aufgebauten Strichbild ein graphisches Erscheinungsbild vor, das auf Modellierung verzichtete und seinen ästhetischen Reiz vor allem aus dem Gegensatz zwischen Darstellung und leerer Fläche bezieht. Der aus dem landschaftlichen Zusammenhang herausgelöste, mittig auf das Blatt gesetzte Baum steht im Kontrast zum leeren Grund. Friedrich arbeitet in dem asymmetrischen Aufbau des Baumes mit seinem gedrungenen Stamm zwar charakteristische Merkmale einer Freistehenden Eiche heraus, doch bleibt der Betrachterstandpunkt unbestimmt, auch ist eine Lichtquelle nicht wirklich auszumachen genauso wie die Grenzen zwischen An- und Untersicht des Motivs fließend sind. Auch der Verzicht auf eine körperhafte Modellierung betont den fragmentarischen Charakter des dargestellten Gegenstandes und damit dessen Kunstcharakter.
Der Baum erhält eine unverwechselbare Individualität und ist Ausdruck eines persönlichen Naturempfindens, das Friedrich durch die Datumsangabe dokumentiert. Wie bei Friedrich häufig, hat er die Darstellung später wiederverwendet, bereits 1807 in seiner großformatigen Sepia „Hünengrab am Meer“ für die Eiche links (Anm. 1), und 15 Jahre später in dem 1822 vollendeten Gemälde „Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung“.(Anm. 2)

Peter Prange

1 Hünengrab am Meer, Bleistift, Pinsel in Braun, 645 x 950 mm, Klassik Stiftung Weimar, Inv. NR. KK 516, vgl. Grummt 2011, S. 475-477, Nr. 505, Abb.
2 Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung, Öl/Lw, 55 x 71 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, Inv. Wagnersche Sammlung 52, vgl. Börsch-Supan 1973, S. 378, Nr. 298, Abb.

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Bildnachweis
Hamburger Kunsthalle / bpkFoto: Christoph Irrgang
Lizenz
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